28. Oktober 2026

Out of
Mannheim

Dorothee Schumacher hat geschafft, was als beinahe unmöglich gilt: In Deutschland Mode zu machen – die dann auch noch international gefragt ist. Maison Ë hat die Designerin in ihrem Atelier in Mannheim besucht, um mit ihr genau darüber zu reden. Und über Visionen ohne Businessplan, Mode, die funktioniert, und was eine Boutique mit einer guten Party zu tun hat.

Dorothee Schumacher – Out of Mannheim

Maison Ë Frau Schumacher, Sie haben Ihr Unternehmen 1989 gegründet. Stimmt es, dass es nie einen Businessplan gab?

Dorothee Schumacher Ich war 23 und hatte eine Vision, was ich mir für Frauen wünsche. Da machst du keinen Businessplan, du fängst einfach an.

M. Ë Wie sah diese Vision aus?

D. S. Es ist eigentlich noch dieselbe wie heute: Ich wollte Mode für Frauen machen, die so stark sind, dass sie sich trauen, ihre Weiblichkeit zu zeigen. Man kann selbstbestimmt sein, ein Unternehmen führen oder eine Familie managen, ohne sich zwischen Stärke und Weiblichkeit entscheiden zu müssen. Für mich liegt die Magie genau in diesem Zusammenspiel.

M. Ë Sie waren in der Anfangszeit obendrein hochschwanger. Wie haben Freund:innen und Bekannte damals reagiert?

D. S. Ach, als Schwangere hast du plötzlich alle Kraft der Welt. Aber ich hätte mich sowieso von nichts aufhalten lassen. Ich wollte Familie und ich wollte ein Unternehmen. Allen, die sagen, man müsse sich für das eine oder das andere entscheiden, antworte ich: „I don’t think so. I take it all!“

M. Ë Im Endeffekt hat das ganz gut funktioniert: Dorothee Schumacher ist heute in 46 Ländern vertreten, vor allem in den letzten Jahren ist die Firma noch einmal stark gewachsen. Gibt es so etwas wie ein Erfolgsrezept?

D. S. Ein Erfolgsrezept? Natürlich gibt es eine Handschrift, die sich durch jede Kollektion zieht – diese Balance zwischen Stärke und Feminität, zwischen „classy“ und verspielten Details. Im Grunde geht es darum, Frauen zu inspirieren und ihnen den Raum zu geben, mit Mode zu spielen. Genau das lieben wir: Wenn wir unsere Persönlichkeit mit einem ganz eigenen Look ausdrücken können. Das ist fast wie Magie. Auf diesen Moment arbeiten wir immer wieder hin.

In Mannheim findet Schumacher die magische Formel: handwerkliches Können, Ruhe und einen Ort, der sich wie ein Zuhause anfühlt.

M. Ë Ein beliebter Slogan von Ihnen lautet „Catch her if you can“ – was hat es damit auf sich?

D. S. Das ist kein bloßer Marketing-Spruch. Er bringt dieses Gefühl ganz gut auf den Punkt. Wenn man sich in seinem persönlichen Look wohlfühlt, sich dessen bewusst ist und genau das ausstrahlt. Das ist ein Spirit, der sich nicht kopieren oder einfangen lässt. Genau das ist „Catch her if you can“.

M. Ë Mannheim ist nicht gerade der Nabel der Welt, schon gar nicht der Modewelt. War das je ein Nachteil?

D. S. In drei Stunden bin ich in Paris, in einer halben Stunde am Frankfurter Flughafen und im Netz in einer Sekunde. Trotzdem zieht es mich immer wieder hierher zurück. Unsere Location am Fluss ist etwas Besonderes, das Umfeld vertraut und das Verständnis für Kunst und Handwerk tief. Vor allem aber finde ich hier die Ruhe, die ich brauche. Viele glauben, Mode brauche Hektik, Reize und ein gewisses Chaos. Ich glaube, gute Kollektionen entstehen genau dann, wenn man den Raum hat, wirklich hinzuhören. Diese Ruhe finde ich hier.

M. Ë Trotzdem heißt es immer, der Modestandort Deutschland habe es schwer.

D. S. So habe ich nie gedacht. Wir haben unsere Kollektion von Anfang an international verkauft. Ich sprach Italienisch, also eröffneten wir einen kleinen Showroom in Mailand. Die internationalen Einkäufer liebten unsere Pieces, weil sie diese Balance zwischen Modernität und Feminität hatten – das kannten sie von deutscher Mode so nicht. Und sie wussten: Das funktioniert.

“Viele glauben, Mode brauche Hektik, Reize und ein gewisses Chaos. Ich glaube das nicht.”

DOROTHEE SCHUMACHER, Modedesignerin und Unternehmerin
Business, Familie, Weiblichkeit und eine gute Portion Humor – Dorothee Schumacher vereint alles.

M. Ë „Funktioniert“ inwiefern?

D. S. Wenn eine Kollektion aus Deutschland kommt, verbindet man damit Qualität, gute Schnitte und edle Stoffe. Aber auch Verlässlichkeit. Man weiß, dass korrekt gearbeitet wird, Zusagen eingehalten werden und pünktlich geliefert wird. Dahinter steckt ein Stück deutsches Engineering – und auch das ist ein wichtiger Teil unseres Erfolgs.

M. Ë Geht der Trend zurück zur Boutique?

D. S. Die Menschen lieben es, sich an besonderen Orten zu begegnen. Auf Sylt haben wir einen Store in einem reetgedeckten Haus mit Blick aufs Meer und eigenem Garten. Für den Store haben wir ganz bewusst einen kolumbianischen Architekten ausgewählt, dessen Schwerpunkt eigentlich in der Hospitality liegt – nicht im klassischen Retail. Uns ging es nie nur darum, einen schönen Store zu gestalten, sondern einen Ort, an dem man sich vom ersten Moment an wohl fühlt. Und ich glaube, genau das ist gelungen. Auch unseren Berliner Store, unseren ersten überhaupt, haben wir gerade erweitert – inklusive „Dorothee’s Coffee“. Unsere Räume sollen dieselbe Haltung ausstrahlen wie unsere Kollektionen. Deshalb gleicht auch kein Store dem anderen.

M. Ë Es heißt, Ihre Marke habe eine starke „Community“: Kundinnen, die über Jahre immer wieder kommen und engen Kontakt zur Marke haben. Wie schafft man das?

D. S. Du kannst nicht sagen: „Ich baue mir jetzt eine Community auf.“ Eine Community entsteht – sie lässt sich nicht planen. Das ist wie bei einer guten Party: Du kannst den Rahmen schaffen und Menschen zusammenbringen. Ob daraus eine echte Gemeinschaft wird, kannst du nicht steuern. Genauso ist es bei einer Marke. Unsere Kundinnen müssen sich gesehen fühlen und sich wohlfühlen. Dann kommen sie wieder, erzählen ihren Freundinnen davon – und die Community wächst ganz von selbst.

M. Ë Es heißt allerdings, dass Sie tatsächlich wissen, wie man eine gute Party schmeißt.

D. S. Oh ja, das weiß ich.

“In drei Stunden bin ich in Paris, in einer halben Stunde am Frankfurter Flughafen und im Netz in einer Sekunde.”

DOROTHEE SCHUMACHER, Modedesignerin und Unternehmerin

M. Ë Es heißt außerdem, dass Sie immer noch jedes Teil aus der Kollektion selbst anprobieren.

D. S. Jedes einzelne. Wir sitzen jetzt hier in unserem Design-Showroom, der gerade mit einer fertigen Kollektion bestückt ist. Aber wann immer wir mit einer neuen Kollektion beginnen – wir entwickeln vier im Jahr –, fängt hier alles wieder ganz leer an.
Am Anfang steht nie ein Kleidungsstück, sondern immer ein Gefühl. Darüber spreche ich zuerst mit meinem Designteam: Welche Farben sehe ich? Welche Schnitte, Proportionen und Silhouetten? Welche Materialien fühlen sich richtig an?
Dann gehen wir in unser Archiv. Im Tower nebenan sind die Kollektionen der letzten 20 Jahre aufbewahrt. Wir schauen uns einzelne Stücke noch einmal an – nicht, um sie zu wiederholen, sondern um zu verstehen, warum etwas funktioniert hat. Manchmal ist es eine Proportion, manchmal ein Detail oder eine Silhouette, die wir völlig neu interpretieren. Daraus entstehen neue Stoffe, neue Schnitte und schließlich die ersten Prototypen hier im Atelier. Und dann beginnt für mich der wichtigste Teil: Ich probiere jedes einzelne Teil immer wieder an.

M. Ë Die lassen Sie also nach wie vor in Deutschland fertigen.

D. S. Ja. Alles, was eine Kollektion ausmacht, entsteht hier in unserem Atelier. Vom ersten Gefühl über die Farben, Stoffe, Schnitte und Proportionen bis zu den Prototypen, die wir hier entwickeln. Für die Produktion arbeiten wir dann mit hochspezialisierten Manufakturen zusammen, die ihr Handwerk perfekt beherrschen. Und weil es mir so wichtig ist zu wissen, wie sich jedes einzelne Teil anfühlt, ziehe ich am Ende jedes Stück selbst an.

M. Ë Und wenn Sie ein Teil nicht „fühlen“, dann kommt es nicht in die Kollektion?

D. S. Nein, dann ist es einfach noch nicht so weit. Vielleicht braucht der Schnitt mehr Großzügigkeit oder eine Proportion stimmt noch nicht. Manchmal nehme ich Prototypen mit nach Hause und trage sie übers Wochenende. Ich möchte spüren, was ein Kleidungsstück mit mir macht. Erst dann weiß ich, ob es wirklich funktioniert.

M. Ë Nennen Sie mal ein Beispiel, wann etwas nicht „schwingt“.

D. S. Zum Beispiel, wenn die Taschen nicht an der richtigen Stelle sitzen oder eine Proportion noch nicht stimmt. Solche Dinge spürt man erst, wenn man ein Kleidungsstück wirklich trägt.

M. Ë Welches sind aktuell die stärksten Märkte für die Marke?

D. S. Zuallererst natürlich unser Heimatmarkt. „There is no market like the home market“ – das gilt eigentlich für jede Marke. Stark sind wir überall dort, wo wir unseren Kundinnen wirklich nah sein können – mit eigenen Stores oder starken Handelspartnern. Die USA haben sich in den letzten Jahren zu einem unserer wichtigsten Märkte entwickelt. Die amerikanischen Kundinnen sind sehr selbstbestimmt, leben ihre Weiblichkeit ganz selbstverständlich und verstehen, was
Mode für sie leisten kann. Ein besonderes Kleidungsstück kann einen durch einen
herausfordernden Tag begleiten oder einen daran erinnern, wer man ist. Daran glaube ich fest.

M. Ë Können die Amerikaner:innen eigentlich Ihre Marke aussprechen?

D. S. Natürlich sprechen sie „Dorothee Schumacher“ etwas anders aus. Aber darauf kommt es gar nicht an. Ich finde es eher charmant, wenn daraus ihre ganz eigene Version wird. Neulich hörte ich von einer Kundin, die am Flughafen vom Zoll kontrolliert wurde und in einen anderen Raum mitgenommen werden sollte. Da habe sie protestiert: „But not without my Dorothys!“ Das hat mich sehr berührt.

Viele der knapp 140 Mitarbeitenden sind dem Unternehmen seit Jahren verbunden und haben seine Entwicklung mitgeprägt.

M. Ë Wer sind für Sie die besten Multiplikatoren?

D. S. Ich müsste jetzt wahrscheinlich sagen, welche Influencerinnen oder Schauspielerinnen unsere Marke am besten repräsentieren. Aber die besten Multiplikatorinnen sind für mich unsere Kundinnen. Es ist erstaunlich, wie oft Frauen von anderen Frauen auf ihr Outfit angesprochen werden. Wenn sich eine Frau in einem Outfit wirklich wohlfühlt, strahlt sie das aus. Und wenn sie dann sagt: „Das ist von Dorothee Schumacher“, ist das für mich die schönste Form der Weiterempfehlung.

M. Ë Neben Ihrer Firma haben Sie vier Kinder großgezogen. Wie schafft man es, Familienleben und Geschäft miteinander zu vereinbaren?

D. S. Wahrscheinlich, indem man gar nicht so viel darüber nachdenkt. Es gab nie diese klare Grenze zwischen Familie und Unternehmen. Beides ist immer ineinandergeflossen. Heute arbeiten rund 140 Menschen bei uns. Über die Jahre ist daraus ein Team entstanden, in dem viele schon sehr lange zusammenarbeiten. Natürlich sind wir Kolleginnen und Kollegen, aber vieles ist sehr freundschaftlich. Diese Offenheit gehört einfach zu uns.

M. Ë Ihr Sohn Max übernahm 2017 die Rolle des zweiten CEOs. War immer klar, dass er einmal ins Unternehmen einsteigt?

D. S. Für mich war das nie selbstverständlich. Ich finde, das größte Geschenk ist, dass jeder seinen eigenen Weg finden darf. Bei Max war das anders. Er wollte immer Teil des Unternehmens sein und hat sich für alle Bereiche interessiert. Heute trägt er unsere DNA auf seine eigene Weise weiter. Das zu erleben, ist für mich als Mutter und Gründerin etwas ganz Besonderes.

M. Ë Sind Sie immer einer Meinung?

D. S. Nein, um Gottes Willen. Das wäre weder in einer Familie noch in einem Unternehmen gut. Jeder hat seinen eigenen Standpunkt. Natürlich diskutieren wir auch mal leidenschaftlich – Alpha trifft Alpha. Aber im nächsten Moment lachen wir auch schon wieder darüber und machen weiter.

M. Ë Gibt es denn inzwischen einen Businessplan für die nächsten 10 Jahre?

D. S. Ja, den gibt es tatsächlich. Aber danach müssen Sie jetzt Max, unseren CEO, fragen.

Für Dorothee Schumacher muss jedes Teil sitzen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie probiert jedes einzelne selbst an.
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Silke Wichert
fotografie
Patricia Haas
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