Das Gefühl,
das bleibt
Die radikalste Form von Luxus ist immer häufiger in dessen Abwesenheit zu finden. Im Bereich Hospitality heißt das: weder Spektakel noch unnötiger Überfluss. Er beginnt heute oft dort, wo die Inszenierung endet – mit Raum, mit Atmosphäre, mit Orten und Menschen, mit Momenten, die nicht geplant werden können, aber bleiben. Wenn man über die Zukunft von Luxus-Hospitality sprechen möchte, führt kein Weg an Ursula Schelle-Müller vorbei. Mit dem Chiemgauhof am noch immer leicht verschlafenen Chiemsee hat die Unternehmerin einen zutiefst persönlichen Rückzugsort geschaffen, der sich auf ganz natürliche Weise in die Umgebung einfügt. Damit gehört sie zu den prägenden Stimmen des „erlebbaren Luxus“ in Deutschland. Definitiv ein Grund mehr, ihr einen Besuch abzustatten.
Maison Ë Sie kennen beide Welten, die Demokratisierung von Design mit dem Aufbau der Motel One-Kette und die Entwicklung eines Luxusresorts wie dem Chiemgauhof. Luxus war lange eine Frage von Sichtbarkeit, Status und Exklusivität. Heute scheint er zunehmend mit Wahrnehmung, Atmosphäre und Gefühl verbunden zu sein. Beobachten Sie diese Verschiebung ebenfalls?
Ursula Schelle-Müller Absolut. Natürlich wird es immer unterschiedliche Vorstellungen von Luxus geben. Aber unser Anspruch war tatsächlich jener des „Quiet Luxury“. Dabei geht es zunächst einmal um den Ort selbst. Dieser Ort hier am Chiemsee besitzt etwas Magisches. Für mich entsteht Luxus aber auch durch die kleinen Dinge: etwa wenn Materialien von Hand gefertigt wurden oder wenn Stoffe, Putz oder Holz eine besondere Qualität haben. Dieses sorgfältige Kuratieren eines Raumes erzeugt Emotionen. Und das alles sollte für die Gäste spürbar sein, ohne dabei laut oder aufdringlich zu wirken.
M. Ë Ist das beste Hotel eines, das man nicht erklären muss?
U. S.-M. Ja, eigentlich schon. Natürlich ist es hilfreich – und am Ende ja auch Marketing – Gästen zu erklären, was ein Hotel bietet. Man muss Erwartungen ein Stück weit steuern. Ein reduziertes Angebot kann aber manchmal sogar spannender sein. Es nimmt den Druck raus, ständig etwas tun zu müssen. Bei uns im Chiemgauhof darf man einfach nur sein, den Ausblick auf den See genießen und auch mal nichts tun. Ich glaube außerdem, dass jedes Hotel seine Gäste findet. Idealerweise entsteht mit der Zeit eine Community von Menschen, die ähnliche Werte teilen und sich an denselben Orten wohlfühlen.
M. Ë Haben sich die Erwartungen der Gäste im Bereich der Luxus-Hospitality in den vergangenen Jahren verändert?
U. S.-M. Individualität spielt heute eine viel größere Rolle. Viele Gäste möchten ihren Aufenthalt schon im Vorfeld ganz persönlich gestalten, vom Frühstück bis hin zu kleinen Details im Zimmer. Es geht weniger um Standardisierung oder starre Etikette, sondern mehr um individuelle Erlebnisse und Genuss. Gäste möchten so sein dürfen, wie sie sind. Gleichzeitig wünschen sie sich nicht nur einen perfekten Service, sondern auch Inspiration, etwa Empfehlungen für Ausflüge oder besondere Orte in der Nähe. Das Team begleitet die Gäste eher während ihres Aufenthalts, als dass es sie nur bedient.
M. Ë Wie sieht so eine Individualisierung aus? Was kann eine mögliche „Money Can’t Buy Experience“ sein?
U. S.-M. Das kann ein spontanes Konzert sein. Eine kleine Bootsfahrt. Morgens um fünf mit unserem Fischer hinaus auf den Chiemsee zu fahren. Der Besuch eines Handwerkateliers. Der unbeschreiblich schöne Sonnenuntergang am Chiemsee. Solche Erlebnisse kann man oft gar nicht planen, sie entstehen aus dem Moment heraus, bleiben jedoch viel länger in Erinnerung. Gäste wollen immer wieder mit etwas Unerwartetem überrascht werden. Begeisterung entsteht genau dort – und Erinnerung auch. Man nimmt etwas mit nach Hause, das über den Ort hinausgeht.
M. Ë Ist außergewöhnliche Hospitality letztlich eine Choreografie von Aufmerksamkeiten? Erinnerungen bleiben ja fast immer an Menschen und Gesten hängen, statt an Objekten oder Räumen. Sind menschliche Begegnungen vielleicht sogar wichtiger als eine tolle Suite?
U. S.-M. Architektur und Design gestalten einen Raum, eine Bühne. Sie schaffen Atmosphäre und den Rahmen, in dem Begegnungen stattfinden. Doch letztlich sind es immer die Menschen und die Begegnungen, die einem in Erinnerung bleiben. Für mich gehört aber beides zusammen: Es braucht einen Ort mit einer besonderen Atmosphäre und einem Design, das mich anspricht. Aber erst die Menschen, die dort arbeiten, machen einen guten Aufenthalt zu einem besonderen Aufenthalt. Unser Team lebt diese Leidenschaft für die Gäste. Es versucht, alles möglich zu machen, was möglich ist – jedoch mit einer angenehmen Zurückhaltung. Diese Balance ist für mich eine hohe Kunst: präsent sein, ohne sich aufzudrängen, und den Gästen ihren Freiraum zu lassen.
M. Ë Welche Qualitäten deutscher Gastlichkeit werden international unterschätzt?
U. S.-M. Ich weiß gar nicht, ob sich die deutsche Gastfreundschaft grundsätzlich von anderen Ländern unterscheidet. Klar, es gibt kulturelle Unterschiede. Italien ist berühmt für Charme und Spontanität, Frankreich für die feine Küche. Deutsche Gastlichkeit wird oft unterschätzt, weil sie weniger laut ist. Dafür ist man hier vielleicht etwas präziser. Sie zeigt sich auch in Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit und einer hohen Qualität bis ins Detail. Gäste spüren, dass alles funktioniert, ohne dass man es ständig betonen muss. Genau diese unaufgeregte Form der Gastfreundschaft empfinde ich als große Stärke.
M. Ë Was mich bei Menschen am meisten interessiert, vor allem bei solchen, die nicht nur Ideen spinnen, sondern Projekte auch tatsächlich umsetzen und Dinge bewegen: Was treibt sie an? Woher kommt diese Leidenschaft?
U. S.-M. Bei mir ist es wahrscheinlich diese Leidenschaft für das Schöne und für das Gastgebersein. Ich mag es sehr, wenn unsere Gäste eine gute Zeit haben, wenn sie die Idee hinter dem Haus – die Gestaltung, das Design und die Architektur – verstehen und sich wohlfühlen. Im konkreten Fall des Chiemgauhofs war es unser Wunsch, etwas Einzigartiges zu gestalten. Und gleichzeitig war es mein persönliches Anliegen, mit dem italienischen Architekten Matteo Thun zusammenzuarbeiten. Ich wollte einmal in meinem Leben ein Projekt mit ihm umsetzen.
M. Ë War Matteo Thun für dieses Projekt also von Anfang an gesetzt?
U. S.-M. Ja. Mich haben seine Philosophie, seine Art zu arbeiten und seine Architektur immer inspiriert. Deshalb war für mich klar, dass ich den Chiemgauhof gemeinsam mit ihm umsetzen will. Wir hatten schon zu Beginn sehr inspirierende Gespräche, noch bevor das alte Gebäude abgerissen wurde. Er hat sich unglaublich für den Ort interessiert – für den Chiemsee, für die Surfer:innen, für alles, was diesen Platz ausmacht. Denn Matteo Thuns Philosophie des Genius Loci begreift Architektur als einen Dialog mit dem Ort, mit der Landschaft, der Materialität und dem Handwerk. Seine Formensprache, sein Gespür für klare Linien und nachhaltiges Design lässt Eleganz nicht aus Inszenierung, sondern aus Zugehörigkeit entstehen. Er baut keine Häuser, die überall stehen könnten, vielmehr errichtet er Gebäude, die genau an diesem Ort stehen müssen.
M. Ë Wenn man über die Zukunft von Luxus-Hospitality nachdenkt. Was werden die großen Veränderungen sein? Was bleibt, was darf gehen?
U. S.-M. Ich glaube gar nicht, dass bestimmte Formen von Luxus komplett verschwinden werden. Dazu sind Menschen viel zu unterschiedlich. Luxus wird aber künftig noch individueller werden. Jeder definiert ihn anders. Für den einen bedeutet Luxus Nachhaltigkeit, regionale, handgefertigte Produkte und natürliche Materialien. Für andere ist es vielleicht eine große Yacht oder die supergroße Suite. Beides wird es weiterhin geben.
URSULA
SCHELLE-MÜLLER
Ursula Schelle-Müller ist eine Gestalterin mit einem besonderen Gespür für Marken, Räume und die Geschichten, die Orte erzählen. Nach ihrem Studium der Kommunikationswissenschaften begann sie ihre Laufbahn bei den Astron Hotels in München und prägte später gemeinsam mit einem kleinen, leidenschaftlichen Team den Aufbau von Motel One entscheidend mit. Als CMO gab sie der Marke ihre klare Identität und formte die Verbindung von Design, Qualität und Zugänglichkeit. Ihre Liebe zu besonderen Orten lebt sie auch in den gemeinsam mit ihrem Mann Dieter Müller entwickelten Hotelprojekten weiter – vom Hotel Kitzhof in Kitzbühel bis zum Resort Das Achental in Grassau. Mit dem Chiemgauhof am Chiemsee erfüllte sie sich schließlich den Wunsch, gemeinsam mit Stararchitekt Matteo Thun einen außergewöhnlichen Ort für Architektur, Design, Kunst und Gastfreundschaft zu schaffen.